N°21

Valter Gattis jüngste Malerei birgt in sich das Weltgedächtnis , die unendlich leichten Spuren einer Zeit, welche die heutige Geschichte gestalten. Spuren, die sich als hilflose Zeugen dem Blick anbieten, als offene Wunden, Zeichen einer neu geschriebenen Vergangenheit. Und man spürt immer, mal leichter, mal stärker, den Künstler, der sich im Grunde in dieser dargestellten Welt erkennt, die er sich aneignet.

Es ist eine Malerei der Innenschau, die bis zur Dunkelheit der Seele dringt, als ob sie eine Landschaft, ein Gesicht, eine Lebensspur wäre, und sie lädt mit einer persönlichen Geschichte von Liebe, Schmerz, Frieden zur Betrachtung ein. 

Das ist der Hintergrund des Kreuzwegzyklus von Valter Gatti, der ihn auf den Weg Jesu zur Kreuzigung führt, indem er als gestalterisches Instrument kein Schichtmaterial, sondern die dünne graphische Wasserfarbe wählt. Eine offenbar minimale Auswahl, welche die Erzählung des Ereignisses betont, das als Symbol des Weltschmerzes gilt. 

Die Farben verschwinden, sind monochrom, und betonen das sichere, genaue Zeichen, das reich an dramatischer Spannung ist.

Selbst Christus, in seinem Aufstieg zum Kalvarienberg, wird Spur einer Zeit, die deutlich sichtbar aber nur für diejenigen erkennbar sind, die bereit sind, dieses Ereignis nicht als Zuschauer, sondern als Menschen zu teilen, die die gleichen Schritte zusammen mit dem Künstler gehen wollen. So geht man auf die christliche Tradition zurück und füllt sie doch mit moderner Frömmigkeit.

In der ersten Station fällt der Blick auf die Bewegung der Hände, die die Ketten festhalten, als wären sie eine Barriere zwischen uns, der freien Welt, und dem Untergang Jesu im Todesurteil,
zu einer starken emotionalen Beteiligung, die während der ganzen Betrachtung andauern wird. Das befreit die Darstellung der einzelnen Stationen von der aseptischen Wiederholung der ikonographischen Tradition. 

Christi Todesurteil folgt unendliches Leid, fern jeder Zeit, fern jeden gerechten Urteils menschlicher Instanz. Und doch wird so Recht gesprochen – Was ist die Wahrheit? – .
Die gleiche Kraft liegt im Schrei Jesu, der in der zweiten Station das Kreuz auf sich nimmt, sie liegt im gespannten Arm, der in der achten Station das Kreuz hält, und auch in der Geste Jesu, der sich in der zehnten Station entkleiden lässt, sowie in den gespannten Fingern der elften Station.

Valter Gatti arbeitet variantenreich. Nahaufnahmen, Seitenansichten und Panoramaaufnahmen wechseln sich wie in einem Film ab, und die Aufmerksamkeit wird auf die Protagonisten gelenkt, die sich zwischen einem bleiernen, unbestimmten Himmel und einem unfruchtbaren, steinigen, leblosen Boden bewegen. 

Der dreifache Fall (Stationen III, VII, IX) verleiht dem Weg Rhythmus und erzählerische Steigerung: Jesus stürzt, von der Last des Kreuzes überwältigt, dann steht er auf und geht weiter. Schließlich nimmt er mit einem Schrei zum Himmel das Todesschicksal an. 

In der vierten Station vereint die Begegnung Sohn und Mutter. Im Vordergrund steht die Umarmung des Kindes, der ihr jetzt mit Dornen gekrönt auf dem Weg nach Golgatha begegnet.

Von besonderer Spannung ist die Frau, die mit einem Tuch das leidende Antlitz Jesu trocknet, die wahre Ikone (ihr wird traditionell der Name Veronica zugeschrieben). Sie zeigt das Schweißtuch nicht; vielmehr umfasst sie es mit beiden Händen. Es ist das zugewandte Gesicht, das den Glauben in die Welt ausstrahlt.

Trostlos sind die Szenen von Golgatha, wo Maria mit ihrem dem Tod ausgelieferten Sohn allein bleibt.

Schließlich verbindet sich das Ende des Kreuzwegs wieder mit der ersten Station und zeigt im Vordergrund die Instrumente der Passion. Durch diese Zeichen bestätigt Valter Gatti die sinnlose Grausamkeit des menschlichen Urteils, hier nun im Gegensatz zum Grab im Hintergrund, das nicht Tod birgt, sondern in der kleinen schwarzen stehenden Silhouette Auftakt zum österlichen Leben ist.

Bernhard Kirchgessner